Erinnerungen in Bildern – Oral History und Graphic Novel zu Migration und Ankommen

Zum 1. Januar 2026 startet an der Universität Augsburg das DAAD-geförderte Projekt „Erinnerungen in Bildern – Oral History und Graphic Novel zu Migration und Ankommen“. Das Projekt ist an der Professur für Verflechtungsgeschichte Deutschlands mit dem östlichen Europa angesiedelt und wird in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung durchgeführt. Eine enge Zusammenarbeit besteht zudem mit dem Bukowina-Institut, dem Deutsch-Ukrainischen Dialog Augsburg sowie internationalen Partnerinstitutionen. Das Projekt widmet sich der Erforschung und künstlerischen Aufbereitung von Flucht- und Migrationserfahrungen ukrainischer Frauen im Kontext des anhaltenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Zentraler Bestandteil des Projekts ist die internationale Kooperation mit der Lviv National Academy of Arts (Lwiw), vertreten durch Olesia Datzko, sowie mit der NGO „Ukrainisch-Deutsche Kulturgesellschaft Chernivtsi“ am Zentrum Gedankendach, vertreten durch Oxana Matiychuk. Gemeinsam entsteht ein transnationales Netzwerk aus Wissenschaft, Kunst und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Im Rahmen des Projekts werden 20 lebensgeschichtliche Interviews (Oral History) mit ukrainischen Frauen geführt, die infolge des anhaltenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine Flucht- und Migrationserfahrungen gemacht haben – sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine. Die Interviewpartnerinnen stammen aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine, die besonders stark vom Krieg betroffen sind – vor allem aus der Ost- und Südukraine sowie aus der Hauptstadt Kyjiw. Einige von ihnen kommen zudem aus Gebieten, die heute unter russischer Besatzung stehen. Bewusst wurde auf eine große Vielfalt der Teilnehmerinnen geachtet: Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihres Alters, ihrer regionalen Herkunft und ihrer sozialen Lebensrealitäten. Die jüngste Interviewpartnerin wurde 2007 geboren, die älteste 1947. Diese Interviews bilden die Grundlage für die Entwicklung einer Graphic Novel, die in Zusammenarbeit mit Studierenden, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus Deutschland und der Ukraine erarbeitet wird. Ziel ist eine narrative und visuelle, zugleich niederschwellige Vermittlung von Erfahrungen von Krieg, Flucht und Ankommen.

Das neue Projekt knüpft an eine erfolgreiche Zusammenarbeit an, die bereits 2023 begann. Damals wurden im Rahmen des Projekts „Geschichten von Flucht und Migration“ in Augsburg, Lwiw und Czernowitz die Lebensgeschichten geflüchteter Frauen aus Deutschland und der Ukraine gesammelt und mit symbolträchtigen Gegenständen verbunden. So entstanden eindrucksvolle persönliche Erzählungen, die individuelle Erinnerungen mit materiellen Zeugnissen von Flucht und Neuanfang verknüpften.


Das Projekt verbindet empirische Forschung, internationale akademische Lehre und künstlerische Praxis. Die Interviews wurden in der jeweiligen Muttersprache der Teilnehmerinnen geführt und anschließend vollständig ins Deutsche übersetzt. Die Ergebnisse werden sowohl in gedruckter als auch in digitaler Form veröffentlicht und durch öffentliche Veranstaltungen begleitet. Für alle Interviews liegt eine Übersetzung ins Deutsche vor.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Sichtbarmachung bislang unterrepräsentierter Frauenstimmen sowie auf weiblich konnotierten Themen wie Care-Arbeit, Sorgebeziehungen und transnationalen Lebensrealitäten. Auf diese Weise leistet das Projekt einen nachhaltigen Beitrag zur Erinnerungskultur, zur Erwachsenen- und Weiterbildung sowie zum deutsch-ukrainischen Dialog.

Internationaler Workshop

Vom 30. Juni bis 3. Juli 2026 fand am Bukowina-Institut der Universität Augsburg der internationale und interdisziplinäre Workshop „Migration erzählen und sichtbar machen: Graphic Novel und biographisches Lernen“ statt und brachte Studierende, Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen aus Deutschland und der Ukraine zusammen.

Von ukrainischer Seite nahmen Olesia Datzko mit einer Studierendengruppe der Lviv National Academy of Arts sowie Dr. Oxana Matiychuk als Vertreterin der NGO „Ukrainisch-Deutsche Kulturgesellschaft Chernivtsi“ teil. Seitens der Universität Augsburg begleiteten Prof. Dr. Jana Osterkamp und PD Dr. Tetyana Hoggan-Kloubert die Veranstaltung. Für die Organisation und Durchführung der Veranstaltung war das Team des Bukowina-Instituts verantwortlich. 


Eröffnet wurde der Workshop mit einem Auftritt der Sandkünstlerin Svitlana Voronzova von Deutsch-ukrainischen Dialog e.V, die mit Sand als Medium eine Geschichte von Flucht und Ankunft erzählte und damit einen haptischen und unmittelbaren Zugang zum Thema des Workshops schuf.


In interdisziplinär und multikulturell zusammengesetzten Teams wählten die Studierenden jeweils ein Interview aus und begannen – begleitet von den beiden professionellen Grafikillustratorinnen Melanie Lüdtke und Sofiia Yuzefovych – mit der künstlerischen Umsetzung der ersten Interviews in die Graphic Novel. Dabei brachten die Studierenden ganz unterschiedliche Perspektiven ein: aus ihren jeweiligen Studienfächern ebenso wie aus ihren persönlichen Lebenswegen und Erfahrungen. Gerade dieses Zusammenspiel von fachlicher Vielfalt und individueller Biografie prägte die Zusammenarbeit in den Teams.

Die Studierenden waren dabei in alle Phasen des kreativen Prozesses aktiv eingebunden – von der Recherche über die Storyentwicklung bis zur visuellen Umsetzung und Publikation. Sie erwarben Kompetenzen im visuellen Erzählen, im Storyboarding, in der Panelgestaltung sowie im Umgang mit analogen und digitalen Zeichentechniken. Die Interviews dienten dabei als Grundlage für authentische narrative Fragmente, die im Workshop zu einer kohärenten und emotional zugänglichen Erzählung verdichtet wurden.

Die gemeinsame Arbeit an den Graphic Novels schuf einen Raum für interkulturelle Begegnung, persönliche Gespräche und den Aufbau neuer akademischer und kreativer Netzwerke. Viele der während des Workshops entstandenen Kontakte sollen auch über das Projekt hinaus Bestand haben: Die studentischen Teams planen, ihre Zusammenarbeit online fortzusetzen und die begonnenen Graphic Novels gemeinsam weiterzuentwickeln und abzuschließen.


Auch außerhalb der Arbeitsphasen stand der interkulturelle Austausch im Mittelpunkt. Gemeinsame Abendprogramme boten den Gästen aus der Ukraine Gelegenheit, Augsburg kennenzulernen und Einblicke in den deutschen Alltag und die lokale Kultur zu gewinnen. Gerade diese informellen Begegnungen erwiesen sich als wertvolle Ergänzung der gemeinsamen Projektarbeit und trugen wesentlich zum gegenseitigen Verständnis und zur Intensivierung der deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit bei.


Der Workshop bildete damit einen zentralen Baustein im Projektjahr 2026: Er verband wissenschaftliche Oral-History-Arbeit, künstlerische Praxis und studentischen Austausch zu einem gemeinsamen transnationalen Lernprozess – und legte zugleich den Grundstein für die weitere gemeinsame Arbeit an der Graphic Novel in den kommenden Monaten.


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